Rückblick: Die Poetik der Grenze
Das Projekt "Die Poetik der Grenze" wurde in Kooperation mit "Graz 2003
- Kulturhauptstadt Europas" und dem Kulturamt der Stadt Graz
realisiert. Es wurde unter der Leitung von
Univ.Prof. Dzevad Karahasan (Sarajevo), dem Stadtschreiber von Graz im Jahr 2003, in Zusammenarbeit mit
Dr. Markus Jaroschka, dem Herausgeber der Zeitschrift
"
Lichtungen", und
Mag. Max Aufischer, dem Leiter des
Cultural City Network (CCN), durchgeführt.
Mit dem Projekt war die Einladung an Persönlichkeiten aus ganz Europa nach Graz
verbunden, bis zum Kulturhauptstadtjahr 2003 gleichsam als writers in residence das
Phänomen "Grenze" aus ihren jeweiligen Disziplinen zu thematisieren. Die daraus
resultierenden Essays wurden laufend in der Literaturzeitschrift "
Lichtungen"
publiziert.
In einem Sammelband erschienen die Essays im Juni 2003 unter dem Titel
"Poetik der Grenze - Über die Grenzen sprechen - Literarische Brücken
für Europa" in der Steirischen Verlagsgesellschaft in Graz.
Den Abschluss des Projektes bildete eine Veranstaltung am 15. November 2003 mit dem Titel
"Über Grenzen sprechen", wo namhafte Persönlichkeiten aus verschiedenen Ländern Europas
über das Phänomen "Grenze" diskutierten.
http://www.graz03.at
"Die Poetik der Grenze"
Ein Projekt der Stadt Graz zur Kulturhauptstadt 2003
von Markus Jaroschka, Graz
"Die Poetik der Grenze" ist ein Titel, der bereits in sich den Hinweis auf eine
literarische Form des so schwierigen Themas 'Grenze' beinhaltet. Das Wort 'Grenze'
bewegt die abendländische Philosophie seit der Antike - die beiden Pole Endlichkeit
und Unendlichkeit. Die Grenze - was ist das? Wer nach der Grenze fragt, ist
gezwungen, sprachliche Umschreibungen anzuwenden, er spricht dann vom
Ausgegrenzten, vom Umgrenzten oder vom Abgegrenzten, aber nicht davon, woran
oder worin oder wozwischen die Grenze verläuft, also nicht von der Grenze selbst.
Und dazu verschärft die natürliche Begrenztheit der Sprache diese merkwürdige
Unsichtbarkeit der Grenze.
Doch ohne Sprache(n) gäbe es kein Gespräch. Gerade die Sprachphilosophie des
20. Jahrhunderts hat jenes Misstrauen gegen die Sprache artikuliert, hat jene
eigenartige Brüchigkeit der Sprache, jenen Ort der Missverständnisse aufgedeckt.
Hatte Martin Heidegger die Sprache noch als das "Haus des Seins" bezeichnet, so
ist Ludwig Wittgenstein in seinem Tractatus logico-philosophicus viel radikaler, die
sprachliche Grenze zwischen dem Sagbaren und Nicht-Sagbaren aufzuzeigen. Diese
Grenze ist existentiell: "Es gibt allerdings Unaussprechliches. Dies zeigt sich, es ist
das Mystische." (6.522) und "Wovon man nicht sprechen kann, darüber muß man
schweigen." (7) Die Radikalität dieser Aussage Wittgensteins liegt in dem
unscheinbaren Wort "zeigt", denn damit entzieht sich die Grenze und damit auch die
Erfahrung der Grenze sprachlicher Vermittlung. Die Grenze zeigt sich!
Es ist nur natürlich, dass die politischen VerantwortungsträgerInnen einer Stadt, die
sich durch Jahrhunderte als eine Grenzstadt verstand, sich diesem Thema Grenze
stellten. Aus Anlass der Ernennung der Stadt zur Kulturhauptstadt Europas im Jahre
2003
wurde die Idee des Projekts "Die Poetik der Grenze" geboren. Man ist sich der
Erfahrung und Tatsache bewusst, dass Graz an einer Bruchlinie liegt, die die religiöse
und politische Geschichte zwischen Mittel- und Osteuropa erzeugt hat. In mehreren
Jahrhunderten, in denen Graz an der Grenze lag, wurde das alltägliche Leben, aber
auch das kulturelle Verständnis von Graz von der Grenze, durch die Grenze sehr tief
geprägt. Mit anderen Worten: das Bild der Stadt, die Vorstellungen der Stadt von sich
selbst, ihre Identität, sind wesentlich von der Grenze geprägt und mit dem Phänomen
Grenze untrennbar verbunden.
So schreibt der Kulturpolitiker und Initiator des Projektes DI Helmut Strobl in der
Literaturzeitschrift "Lichtungen", die das Projekt publizistisch begleitet, am Beginn
des Vorhabens: "Grenze hat üblicherweise einen negativen Beigeschmack. Grenze
als etwas, das uns einengt, als Antipode der Freiheit. Grenzen trennen, werden
willkürlich gezogen, greifen in das Schicksal von Menschen ein. Sie werden so lange
wichtig geredet und gedacht, bis sie wirklich sind und beinahe jedes Opfer wert. ...
Grenze ist aber auch, und vielleicht sogar vor allem, das, was man sieht, was man
spürt, was sich eher im Kopf als in einem Grenzbalken manifestiert. Diese Grenze ist
unsere Chance im Leben; die Möglichkeit, über Begrenztheit hinauszuwachsen, die
Weite durch ihr Gegenteil zu erkennen, zu erspüren. Um die Chance, die Bedeutung
von Grenze voll zu erkennen, muß man die Poesie, die das Phänomen Grenze
ausmacht, entdecken und erfühlen".
Die Idee, diesen großen Problemkreis poetisch abzuschreiten, bedurfte einer
Persönlichkeit, die um diese Grenzlandschaften wusste und vielleicht auch ein Kind
derselben ist. Diese Persönlichkeit wurde in der Person des bosnischen
Schriftstellers Dzevad Karahasan gefunden. Als Verfasser bedeutender Romane
verkörpert er den Typus des Grenzüberschreiters - als Kenner des Islams und des
Christentums. In seiner Funktion als Stadtschreiber von Graz entwarf er sehr bald die
Grundthesen des Projekts "Die Poetik der Grenze".
Ausgehend von der Tatsache, dass Graz in seiner Geschichte und heute von vielen
Grenzen betroffen ist wie z.B. mit Religionsgrenzen in der Türkenzeit und in der
Gegenreformation, mit Sprachgrenzen wie Slowenisch, Ungarisch gegenüber
Deutsch, mit Grenzen zwischen politischen Systemen wie mit dem ehemaligen
Eisernen Vorhang, aber auch mit kulinarischen Grenzen wie die Grenze zwischen
den Bier- und Weinregionen. Für Karahasan, mit den Augen des bosnischen Dichters
gesehen, gibt es für Graz zwei Gründe, sich mit dem Phänomen Grenze zu
beschäftigen:
a) der technische Grund: das Bild dieser Stadt ist in den Augen der anderen mit der
Grenze untrennbar verbunden, genauso wie das Bild der Stadt in den Augen der
Einheimischen.
b) der innere Grund: die Identität dieser Stadt wäre ohne Grenze unvorstellbar, weil
diese Identität mit der Grenze zusammenhängt.
Philosophisch läßt sich festhalten, daß Identität per definitionem mit der Grenze
verbunden ist; Grenze verleiht also den Erscheinungen ihre Identität, indem sie sich
durch Grenze vollenden, d.h., Grenze ist Vollendung.
Zum Zwecke der Erhellung des Fragenkreises "Grenzphänomen" werden bis zum
Kulturhauptstadtjahr 2003 Persönlichkeiten aus ganz Europa für zwei Monate nach
Graz eingeladen, gleichsam als writers in residence, um einen Essay über die
Grenze zu schreiben. Es sind dies Persönlichkeiten aus den Bereichen Literatur,
Theater, Musik, Philosophie, Theologie, Soziologie, Anthropologie, Kulturmanager
usw. Die spezifische Aufgabe für die Gäste ist es, vor allem gemäß der jeweiligen
Kompetenz über die Grenze in der Sprache, die Grenze im Theater, die Grenze in
der Musik, über die Grenzen in der Religion, der Wissenschaft und der Politik
nachzudenken und zu schreiben. Die Essays werden laufend bis zum Jahre 2003 in
der Literaturzeitschrift "Lichtungen" veröffentlicht. (Geplant ist im Jahre 2003 die
Herausgabe eines mehrsprachigen Sammelsbandes aller Essays, auch in der
Muttersprache des jeweiligen Gastes).
Das laufende Projekt wird als work in progress verstanden, ständige
Weiterentwicklung wird angestrebt. Als Begleitprogramm wurden die
"Grazer Gespräche" im Grazer Rathaus eingeführt - bewußt im politischen
Zentrum der Stadt. Diese Reihe soll, verknüpft mit dem Projekt
"Kontinentalbruch", wo es um die religiöse Bruchlinie zwischen West-
und Osteuropa geht, eine Plattform des intellektuellen Gespräches
bilden. In Form des Dialoges geht es um die Vielfalt verschiedener
kultureller Strömungen, um das Selbstverständnis Europas und um die oft
verwirrenden Trends des beginnenden Jahrtausends. Immer steht dabei das
zentrale Phänomen "Grenze" im Mittelpunkt.
Im Herbst 2003 soll das Projekt in ein fulminantes Finale münden. In
einer einwöchigen Veranstaltung soll das Phänomen "Grenze" mittels
aller möglichen Medien fokussiert werden. Mit Lesungen, Theater, Musik,
Film, Videokunst, Ausstellungen und Gesprächen werden die 'Orte' von
Grenze aufgesucht werden, dies mag sein die menschliche Haut als Grenze
oder die Grenzen in einem vielleicht virtuellen Raum. Es wird eine
Woche der multikulturellen Begegnung sein, eine Zeit des Dialoges in
einer Stadt im Brennpunkt Europas. Und in Abwandlung der anfangs
zitierten Hauptthese Ludwig Wittgensteins im Traktat, zum Problem über
die Grenze einen Diskurs führen zu können, könnte man literarisch
abgewandelt sagen: Worüber man nicht schreiben kann, soll man reden.
Dies ist vielleicht eine Antwort, vielleicht die einzige, auf ein
unlösbares Problem.
Zur Person des Verfassers:
Dr. Markus Jaroschka, Autor, Herausgeber der Literaturzeitschrift
LICHTUNGEN.
Gemäß des Beschlusses der IG Autorinnen und Autoren Österreichs auch deren orthographischen Intentionen verpflichtet.