Ausschreibung 2012

Im Sinne einer aktiven Förderung der (Kinofilm-) Drehbuchkultur wird hiermit der 1989 erstmals durchgeführte "Carl-Mayer-Drehbuchwettbewerb" der Landeshauptstadt Graz zum nunmehr sechzehnten Mal ausgeschrieben.
Der Wettbewerb ist ein Beitrag zur qualitativen Verbesserung der deutschsprachigen Drehbuchkultur und ein Impuls für den heimischen (Kino-) Film.
Das Thema für die Ausschreibung des Carl-Mayer-Drehbuchwettbewerbes 2012 lautet:
EMPÖRUNG
Einreichfrist ist der
30. November 2011 (Poststempel).
Die Juryentscheidung wird im ersten Jahresdrittel 2012 in Graz erfolgen.
Statements zur aktuellen Ausschreibung - Empörung!
In einer Zeit, in der alles ausführlich und zivilisiert - das heißt verfärbt durch die Vorschrift eines entemotionalisierten Diskursstils - gesagt werden kann, um zwangsläufig in unfruchtbaren Relativierungen zu münden, verkümmert die Empörung.
Eine Empörungssimulation in Variationen – von skeptisch-kritisch zusammengezogenen Mundwinkeln bis zur Selbststilisierung als besserwisserischer Nörgler, der hinter seiner vorlauten Fassade nur das eigene Phlegma und eine allumfassende Gleichgültigkeit versteckt - das ist die verkommene Empörung.
Richtige Empörung führte zur Tat, daran würde man sie erkennen. Empörung könnte gelebt werden. Es lebe die Empörung!
Mara Mattuschka Geboren in Sofia. Goldener Zirkel für höhere Mathematik. Studium der Ethnologie und Sprachwissenschaften, Wien. 1990: Magister Artis für Malerei an der HAK Wien bei Prof. Maria Lassnig. 1994-2001: Professorin für "Freie Kunst" an der HBK Braunschweig. Turbokoloratur. One woman shows. Zahlreiche Filme.
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Das Phänomen der "Empörung" erscheint als postmoderne Form des Widerstands einer im Grunde lethargischen und apathischen Gesellschaft. Aber entspricht die Haltung der Empörung nicht auf paradoxe Weise der Empfindung (und historischen Erfahrung!), dass Widerstand an der abstrakten und ungreifbaren Komplexität der spätmodernen Gesellschaft meist wirkungslos scheitert?
Die historischen Formen des Widerstands zeigen eine fatale Logik paradoxer Um- und Verkehrung: Aufstände und Revolutionen (das Zeitalter der politischen Aufklärung und Ideologien) wurden schließlich selbst zu repressiven Machtinstanzen (d. h. Revolutionen werden selbst totalitär und diktatorisch!), die Form diskursiver, argumentierender Gesellschaftskritik (die Generation der sog. 68er) wurde in den politischen Diskurs integriert und institutionalisiert (wer kennt nicht die historische Farce jener kritischen Intellektuellen, die heute pensionsreife "Systemrepräsentanten" sind?), die Variante des "zivilen Ungehorsams" war theoretisch wie praktisch eine spätpubertäre Verharmlosungsstrategie, die schließlich zur bunten Palette der sog. Alternativen führte – heute: Biogrün als Selbst- und Welterlösungs-Kult im Energie-Dilemma. Historisches Fazit: Die Formen des Widerstands wurden (zumindest nach dem 2. Weltkrieg) immer schneller zu gewinnbringenden Marktimpulsen.
Der Verdacht regt sich, dass die Marke der "Empörung" ein ähnliches Schicksal erleiden wird – und dennoch entspricht das Gefühl der Empörung offenbar einer spezifischen Erfahrung der Gegenwart: nämlich dass man für all das, wogegen man Widerstand leisten möchte und sollte, eigentlich keine Worte und Begriffe hat – man ist schlicht und einfach "sprachlos"! In diesem Sinne bringt die Haltung der Empörung vor allem ein Gefühl des Unbehagens und gleichzeitig der Ohnmacht zum Ausdruck – ein Unbehagen, das zutiefst mit Begriffen der Gerechtigkeit (nicht des juristischen "Rechts"!) und moralischer Verantwortung zu tun hat, eine Ohnmacht, da scheinbar niemand mehr wirklich verantwortlich ist. (Gegen wen sollte man eigentlich angesichts Globalisierung, Finanzblase, Hedgefonds und Wirtschaftskrisen konkret Widerstand leisten – das "System" ist vor allem "gesichtslos"!?) Wogegen sich der Impuls der Empörung richtet, ist die allgegenwärtige Erfahrung der Unrechtmäßigkeit und Verantwortungslosigkeit im sozialen, politischen und ökonomischen Handeln. Die Emotion der Empörung macht vielleicht deutlich, dass wir einen neuen Begriff der "Humanität" und des menschlichen Verhaltens brauchen – mit gerechteren Gerechtigkeiten und verantwortungsvolleren Verantwortungen!
Erwin Fiala, Mag. Dr. phil.
Univ.-Lektor am Institut für Philosophie der Karl-Franzens-Universität Graz, Prof. für Mediendesign sowie Design und Kommunikation (Kolleg für Photographie und Graphik-Design der HTBLuVA Graz – Ortweinschule, Abt. für Kunst und Design).
Publizist, Essayist, Kurator, Veröffentlichungen im Bereich der Kultur-, Medien- und Kunstphilosophie, Semiotik und Kunstanalyse/Kunsttheorie.
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Wenn uns als Kindern fad wurde, losten wir aus, wer sich für die andren eine Geschichte ausdenken musste. Wenn der Erzählerin gerade nichts unter den Nägeln brannte, durfte sie ihr Publikum so lange um Wörter bitten, bis sich ihr zwischen den einzelnen Vokabeln der Blitz einer Inspiration auftat. Da uns oft fad wurde, waren wir bald gewitzt genug zu wissen, dass die Geschichten umso phantastischer, spannender und verrückter ausfielen, je weniger die Wörter auf den ersten Blick miteinander zu tun hatten. "Klumpfuß", "Joghurtbecher" und "Metamorphose" ergibt mit Sicherheit eine interessantere Story als "Zugabteil", "Tunnel" und "Kuss". Konkrete Objekte produzieren geheimnisvollere Verwicklungen als Abstrakta.
Verfemte, anstößige oder klärungsbedürftige Vokabeln inspirieren mehr als Modewörter.
Ob die Schlagworte, unter denen jährlich der Carl-Mayer-Drehbuch-Preis ausgerufen wird, uns inspiriert hätten? Immerhin sind sie allgemein genug gewählt, dass AutorInnen, die keine Anregung brauchen, weil ihnen die Themen eh unter der Tastatur brennen, ihre Drehbücher meist irgendwie noch drunter subsumieren können.
So hätte eine Autorin, die sich z.B. gerade dringend die Beschämung der Erkenntnis, wider willen eine neokoloniale Bestie zu sein, vom Herzen schreiben will, in ihre Geschichte im Jahre 1998 nur ein bisserl SUCHT mischen müssen und im Jahre 2008 etwas SEXAPPEAL.
EMPÖRUNG, die ja gerade durch Stéphane Hessels Mahnruf sehr schick gewordene Modevokabel, soll dieses Jahr das Thema sein. Wer aber von Empörung etwas versteht, wird sie vermutlich nicht zum Thema machen, sondern das, worüber man sich empört. Und vor allem: Die Wege, auf denen man aus der EMPÖRUNG ÜBER ein ANGEHEN WIDER und dann auch tatsächlich ein BEENDEN VON machen kann. Gesellschaftsanalyse und Revolutionstheorie also, falls die Empörung einherging mit universalistischen Ansprüchen an Gerechtigkeit.
Ohne Analyse bleibt die EMPÖRUNG ein reines Sich Aufpudeln, ein Aufkochen der Emotion im Dampfdrucktopf verdummender Bilder, Vorstellungen und Begriffe, das bestenfalls dazu führt, dass das eigene Herz gatschig weich gekocht wird und weiterer Empfindungen nicht mehr fähig ist.
Heute empört man sich darüber, dass Kinder in Schubhaft genommen werden und Atomkraftwerke explodieren, morgen über Ehrenmorde oder Hundstrümmerl oder Weltverschwörungen. EMPÖRUNG ist Kraftstoff für politisches Engagement. Wogegen und wofür das Engagement sich engagiert, bestimmen entweder die andren, irgendwelche andren, oder aber: das Denken, die Analyse, die ausformulierte Utopie.
Die setzt aber – entgegen weitverbreitetem Missverständnis - nicht in der Zukunft an, sondern am Begriff von der Vergangenheit und der Gegenwart. Am Begriff und am Bild. In den Begriffen und den Bildern, die wir uns von der Welt machen (lassen) nach den Ursachen für das Unrecht zu suchen, wäre also die Aufgabe von AudiovisionsarbeiterInnen, die den Anspruch haben, sich über jedes Unrecht auf der Welt so zu empören, als wäre es ihnen selber angetan worden. (Frei nach Che Guevaras Definition der revolutionären Tugend der Fernstenliebe.)
Ich will damit sagen: Das Drehbuch über die Beschämung der Erkenntnis, wider willen eine neokoloniale Bestie zu sein, nur qua Geburt und Schulbildung, nur qua Fernsehprogramm und Alltagssprache, liesse sich dieses Jahr also ganz ohne Zugabe von Sucht und Sexappeal unter die Themenvorgabe subsumieren. Um auch diejenigen zu inspirieren, deren Tastaturen weit weg von den Brandherden sozialer Konflikte entfernt stehen, brauchts aber vielleicht doch noch ein paar konkretere Vokabeln extra dazu. Ich spendiere: "Die Rundung der Erde", "Bastardin", "Ejido", "Komsomol", "Inkassobüro".
Tina Leisch
Film- Text und Theaterarbeiterin und Politaktivistin. Mitbegründerin von KINOKI, (
» www.kinoki.at), Urheberin von u.a. Gangster Girls (
» www.gangstergirls.at).
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Empörung ist nur ein Wort. So wie jeder Begriff, der aus dem Kontext herausgelöst wird.
Als nicht mehr zu übersehen war, dass Österreich den Anschluss an bildungspolitische Standards immer weiter verfehlt, hieß das Zauberwort Kreativität. Und auch das ist nur ein Wort. Denn wer würde bestreiten, dass all jene (heimischen) Politiker und Finanzjongleure, für die aus Sicherheitsgründen immer die Formel der "Unschuldsvermutung" angehängt werden muss, kreativ sind – oder doch kreative Anwälte beschäftigen? Kreativ muss auch jeder Gefängnisausbrecher sein, genauso wie der "Entführer" der Saliera oder jener von Natascha Kampusch. Man kann sich über die Täter empören – oder aber über ihre (gerichtliche) Verfolgung. Vermutlich werden sich beim Saliera-Entführer am Stammtisch wenige Verteidiger finden, beim Fall Kampusch wagt auch kaum einer, Sympathie für den Täter zu äußern, der seine sexuelle Obsession rücksichtslos in die Tat umsetzte.
Ganz anders liegt der Fall schon bei den Heroen aus Politik und Wirtschaft. Die Empörung kann sich hier – und tut es gar nicht so selten – dagegen richten, dass diese tüchtigen Herren für ihre (wirtschafts)kriminellen Machinationen belangt werden sollen, oder sie kann sich gegen eine gesellschaftliche und juridische Praxis richten, die ihnen den Status der Unschuldsvermutung über so viele Jahre lang erhält. Dass dieser kategoriale Unterschied mit dem schleichenden Verlust gesellschaftspolitischen Denkens so gern hinter abstrakt gesetzten Begriffen verborgen wird, wäre ein guter Ansatz für eine gesellschaftlich relevante Empörung.
Evelyne Polt-Heinzl
Geboren 1960 in Braunau/Inn, Literaturwissenschaftlerin und Ausstellungskuratorin, arbeitet als Kritikerin und Essayistin u. a. für Die Presse, Wiener Zeitung und Neue Zürcher Zeitung. Zuletzt erschienen: Einstürzende Finanzwelten. Markt, Gesellschaft, Literatur. Wien 2009. Peter Handke – In Gegenwelten unterwegs. Wien 2011.
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Empörung gefällt mir. Das Wort hat etwas Starkes, etwas Reines, etwas Gerechtes in sich. Beim Zorn muß man zusätzlich anmerken, daß er gerecht ist. Denn der kann auch blind sein, oder rasend. Empörung aber braucht keinen Zusatz. Wer sich empört, hat guten Grund dazu, denn sonst ist es keine Empörung, sondern eine Frechheit, eine Hybris oder vielleicht einfach nur deppert. Diejenigen, gegen die man sich empört oder die verantwortlich dafür sind, drängt man mit der Empörung in den Erklärungs- bzw. Handlungsbedarf. Ob sie den dann auch wahrnehmen, ist natürlich eine andere Sache.
Auch wenn die Empörung gerne als die kleine und deshalb unbedeutende Schwester der Auflehnung gesehen wird, so gefällt sie mir. Denn ein bißchen was von Ruhe vor dem Sturm ist auch dabei. Und das ist eine sehr beeindruckende, denn noch weiß man nicht, wie heftig der Sturm ausfallen wird, und gleichzeitig weiß man, daß sehr bald alles anders ist.
Der Carl Mayer Preis steht ja ziemlich einzigartig da. Daß die Anonymität der Einreichungen eine gute Sache ist, wird einem spätestens dann klar, wenn man gewonnen hat und deshalb im Folgejahr in der Jury sitzt. Man läßt sich nicht von Namen beeinflussen, sondern ist auf den Stoff konzentriert. Vielleicht sollte man das auch bis zu einer bestimmten Phase der Filmherstellung generell so handhaben. Insofern kann der Carl Mayer Preis da gleich als Vorbild dienen.
Wolfgang Rupert Muhr
Absolvent der Studienrichtung Drehbuch und Dramaturgie an der Filmakademie Wien und Student vor Diplomfilm in Regie. Autor von Theaterstücken und Hörspielen, Arbeiten als Schauspieler und Sprecher, erhielt 2010 den Carl Mayer Hauptpreis für GROSSMATTGLOCKNERHORN.
Statuten des Carl-Mayer-Drehbuchwettbewerbes
Ausschreibung 2012
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