PREISTRÄGER 2026
Ausschreibungsthema „Tempo“
JURY
- Felix von Boehm (Produzent, DE)
- Sebastian Höglinger (Juryvorsitz, AT)
- Klemens Hufnagl (Kameramann, Drehbuchautor, Vorjahrespreisträger)
- Alexandra Makarová (Drehbuchautorin, Regisseurin)
- Françoise von Roy (Drehbuchberaterin, DE)
Aus der heuer enorm hohen Einreichungszahl von 61 treatments (davon drei Dokumentarfilme) zum heurigen Ausschreibungsthema „Tempo“ gehen folgende Preisträger:innen hervor:
Die Stadt Graz vergibt den Carl-Mayer-Hauptpreis in Höhe von Euro 15.000,- an das Treatment HANS or Don´t bury me in the grave of my father (Dokumentarfilm) von Peter Pflügler.
Der Carl-Mayer-Förderungspreis in Höhe von Euro 7.500,- geht an Reza Rasouli für das Treatment Wurzeln und Wind (Spielfilm).
Jurybegründungen:
Hauptpreis
Hans –or– Don’t Bury Me in the Grave of My Father von Peter Pflügler
Über 1000 Selbstporträts hat Amateurfotograf Hans bis zu seinem Tod angefertigt. Als Peter auf den Fundus stößt, öffnet sich ein wahrer Zeitspeicher und -Schatz, eine Art analoges, haptisches Instagram avant la lettre. Wer aber war dieser Urgroßonkel Hans, über den in der Familie niemand so richtig Bescheid weiß und redet, über den angeblich gelacht wurde, weil er „eigenartig“ war?
Peter will mehr wissen und versucht das familiäre Schweigen zu durchbrechen. Was als dokumentarische Suche seinen Ausgang nimmt, wird zu einem Experiment der Formfindung, Träume suchen den Protagonisten heim, Dokument und Inszenierung verschwimmen, was die Relevanz des Projekts gerade vor dem Hintergrund der Bildproduktion im Zeitalter Künstlicher Intelligenz unterstreicht. Mehr und mehr rückt die Suche nach der „Wahrheit“ sowohl in der Erzählung als auch in den übergeordneten Mitteln des Films und der Fotografie in den Fokus und Hans’ Schicksale wie Talente beginnen sich in den weiteren Familienbiografien, nicht zuletzt in Peters Leben selbst, widerzuspiegeln. Sensibel gebaut und mit fotofilmischen Strategien unterfüttert treten vergrabene Familientraumata – versuchter und tatsächlicher Suizid, Einsamkeit, Missbrauch – an die Oberfläche und nähern sich Menschen einander an, die sich über Umwege verloren glaubten. Als Peter erfährt, dass Hans gegen den dezidiert geäußerten Willen mit seinem übergriffigen Vater am Friedhof begraben liegt, setzt er gegen familiäre Widerstände alles daran, um beinahe 30 Jahre später etwas gutzumachen.
Wir gratulieren Peter Pflügler für sein berührendes Treatment Hans –or– Don’t Bury Me in the Grave of My Father.
Förderungspreis
Wurzel und Wind von Reza Rasouli
Die 16-jährige Leila ist schwanger. Mit ihrem Freund Konsti beschließt sie den Schwangerschaftsabbruch, doch die benötigten 600 Euro scheinen eine unüberwindbare Hürde und die Eltern dürfen nichts mitbekommen. So werden der geliebte Scooter, die Drohne, ja sogar die eigenen Haare verkauft, Geld wird geliehen oder aus Mutters Portemonnaie entwendet. Als diese den Diebstahl bemerkt und Sohn Konsti zur Rede stellt, setzt sich ein Dominoeffekt an vermeintlich gutgemeinten Taten und Ratschlägen in Gang. Rasant verschachtelt entspinnt sich ein multiperspektivisches Drama, in dem alle Figuren Licht und Schatten in sich tragen: Jede kleine Geste, jedes Detail zieht schon in dieser frühen Treatmentform Konsequenzen nach sich.
Übergeordnet scheinen weiter sowohl die Eltern als auch die Jugendlichen auf ihre jeweils individuelle Weise mit dem Ankommen zu hadern – oder dem Weggehen. Nach Syrien in die Heimat von Leilas Familie; in die USA, in der der Vater von Konsti wohnt; zu Gott, dem sich seine Mutter nach einer Krebsdiagnose zuwandte. Ungewohnt selbstverständlich ist die diasporische Erfahrung von Leilas Familie in Wien verankert. Es ist bemerkenswert wie der Autor damit Erwartungshaltungen unterwandert und Klischees gegen den Strich bürstet. Alleine dafür wollen wir uns als Jury von Herzen bedanken. Der Förderpreis des Carl-Mayer-Drehbuchpreises 2026 in der Höhe von 7.500 Euro geht an Reza Rasouli für sein Treatment Wurzel und Wind.
Biografien:
Peter Pflügler (geb. 1987 in Niederösterreich) Er studierte Fotografie in Den Haag, wo er heute auch lebt. Pflügler beschäftigt sich in seinen Arbeiten aus Film, Text und Fotografie mit Familiengeheimnissen und der „Rolle von Schweigen bei der Weitergabe von Traumata“ (Zitat aus Einreichung)
Reza Rasouli (geb. 1989 im Iran, seit 2019 in Wien lebend) Rasouli schließt gerade sein MA-Studium an Filmakademie Wien ab. Seine Arbeiten kreisen um die Themen Familie, Migration und Zugehörigkeit. Einige bereits preisgekrönte Kurzfilme. Sein Kurzspielfilm „Found & Lost“ lief auf der Diagonale 2026.