Mit STAGES hat die HALLE FÜR KUNST Steiermark ein zeitgemäßes Format geschaffen, das jungen und aufstrebenden Künstler:innen aus Graz und der Steiermark eine sichtbare Bühne bietet. Was als ein abendfüllendes Programm begann, wurde zu einem erweiterten Präsentationsformat weiterentwickelt: Auf die einmalige Darbietung, etwa in Form eines Artist Talks, einer Performance oder eines Konzerts folgt in der Regel eine Ausstellung über mehrere Wochen, die einem größeren Publikum Einblicke in die gezeigten Positionen ermöglicht. STAGES schafft so einen offenen Raum für künstlerische Ansätze, Experimente und kritische Auseinandersetzungen und stärkt als regelmäßiges stattfindendes Programm die lokale Kunstszene, indem es junge Kunst einem breiten Publikum zugänglich macht.
Die Malerei von Baurjan Aralov bewegt sich im Spannungsfeld zwischen Erinnerung, Traum und Wahrnehmung. Aus Fragmenten persönlicher und kollektiver Erfahrungen entstehen Bildwelten, die weder Realität noch reine Imagination sind, sondern bei denen es sich um liminale Räume handelt, also Schwellenzustände und physische oder virtuelle Orte des Übergangs, wie wir sie etwa vom Kindsein zum Erwachsensein, aber auch in der sogenannten Hypnagogie, also der Transition von Wachzustand in den Schlaf erleben. Unter Hypnagogie versteht man das Abriften des Bewusstseins, in dem oft noch flüchtige, traumähnliche Bilder oder kurze Gedankenblitze erlebt werden, obgleich man sich noch wach fühlt. Aralovs Gemälde werden so zu einer Annäherung an das Unbewusste.
Geprägt von familiären Geschichten, kulturellen Einflüssen und einem intuitiven Malprozess erforschen seine Werke die Fragilität des Gedächtnisses neu und gehen der Frage nach, wie Bilder, Identität und Erinnerung immer wieder neu konstruiert werden. Ausgehend von dem Philosophen Henri-Louis Bergson verhandelt Aralov zugleich das Erleben von Zeitlichkeit. Das was Bergson als la durée, also Echtzeit beschreibt, ist dabei nicht die messbare Zeit wie auf einer Uhr, sondern das innere Erleben von Zeit. Zeit ist für Bergson keine Abfolge von gleich großen Sekunden, sondern ein kontinuierlicher Fluss von Bewusstsein, in dem Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nicht als klar voneinander abtrennbare Entitäten verstanden werden können, sondern in dem, was unser aktuelles Erleben prägt, also auch in Erinnerungen, Gefühlen und Erwartungen immer ineinander übergehen.
Begleitend zur Ausstellung A.rtificial I.ntrospection O., die das Werk von Oswald Wiener unter die Lupe nimmt und ausgehend von dessen Überlegungen rund um Kybernetik, Maschinen, Denken und Selbstbeobachtung auch zeitgenössische Positionen zeigt, die sich mit der voranschreitenden Technologisierung auseinandersetzen, kommt dem Erleben insofern eine zentrale Rolle zu, als dass Wiener genau in diesem die Unterscheidung zwischen Menschen und Maschinen sah. Wiener zufolge – das mag sich mit der rasanten Entwicklung von KI derzeit ändern – waren Maschinen nämlich im Gegensatz zu Menschen nicht in der Lage, Vorstellungen zu entwickeln oder Gefühle zu „erleben“. In diesem Sinne ist Aralovs Fokus auf das Erleben, in dem die Zeit gewissermaßen nicht mehr gezählt, sondern in Vergessenheit gerät, eine adäquate Erweiterung der derzeitigen Gruppenausstellung A.I.O. und regt zum Nachdenken darüber an, was Erleben von Zeit überhaupt ist.