Susanne Wenger: Àdùnní Olórìṣà

Eröffnung Fr 6.2., 18:00 Uhr (bis So 19.4.)

Foto: Susanne Wenger
Susanne Wenger: Àdùnní Olórìṣà
Die Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs – ihr Widerstand gegen den Nationalsozialismus und insbesondere die Ermordung befreundeter Künstler:innen wie Karl Drews und Herbert Eichholzer– prägten Susanne Wengers künstlerische Entwicklung nachhaltig. Aus diesen Erlebnissen heraus entwickelte sie eine transzendente, mythologisch aufgeladene Formsprache. Nach ihrer Ausbildung an der Akademie der Bildenden Künste in Wien und einem Aufenthalt in Paris reiste sie im Jahr 1950 mit dem Linguisten und damaligen Ehemann Ulli Beier nach Nigeria. Nach Stationen in den Städten Ìbàdàn, Ẹdẹ und Ìlóbùú lebte sie bis zu ihrem Tod fast sechzig Jahre lang als Künstlerin und Òrìṣà-Priesterin der Yorùbá-Religion in Òṣogbo. Dort schuf sie in den heiligen Hainen am Fluss Ọ̀ṣun gemeinsam mit der Gruppe New Sacred Art Movement monumentale Skulpturen und Schreine, die den spirituellen Ort mit einem Gesamtkunstwerk verbanden. Seit 2005 werden die Sacred Ọ̀ṣun Òṣogbo Groves als UNESCO Weltkulturerbe geführt. Mit ihrer Beteiligung an der von Adriano Pedrosa kuratierten Venedig-Biennale 2024 erfährt Wenger nun vermehrt die internationale Anerkennung, die ihr zusteht – mit Ausstellungsbeteiligungen in Institutionen wie der Tate Modern, dem Haus der Kunst München oder dem Museum of Contemporary Art Belgrade, während die Rezeption in Österreich bislang vergleichsweise etwas verhalten blieb.

Nach mehr als zwanzig Jahren kehrt Susanne Wengers Werk nun mit der Ausstellung Àdùnní Olórìṣà nach Graz und in jenes Haus zurück, in dem ihr noch zu Lebzeiten 2004 eine Ausstellung gewidmet und das Große Goldene Ehrenzeichen des Landes Steiermark für ihr Lebenswerk verliehen wurde, und in Folge das Österreichische Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst. In Zusammenarbeit mit der sich um die Bewahrung ihres Werkes verdienstvoll einsetzenden Susanne Wenger Foundation in Krems präsentiert die HALLE FÜR KUNST Steiermark in einer sorgsam zusammengestellten Auswahl das facettenreiche Œuvre der Künstlerin. Neben beeindruckenden Batiken werden auch ausgewählte Malereien und Zeichnungen gezeigt. Hervorzuheben sind ihre frühen Buntstiftzeichnungen Traumgesichte, die 1943/44 während des Krieges in Wien entstanden. Diese von übergroßen Insekten und einem monströsen Hasen bevölkerten Bildwelten bewegen sich zwischen Traum und Albtraum und spiegeln eine innere Auseinandersetzung mit Angst, Ohnmacht und psychischer Bedrängnis wider.

Im Zentrum der Ausstellung stehen jedoch Wengers großformatige Textilarbeiten – farbintensive Batiken, die Mythen von Schöpfung, Tod, Opfer und Wiedergeburt vereinen. Seit den 1970er-Jahren entwickelte Wenger eine eigenständige Technik, die Elemente von Batik, Textilmalerei und Indigofärbung zu einem „spontanen Fluss“ verbindet. Diese detailreichen Wachsbatiken, von ihr als textile cloth paintings bezeichnet, zeichnen sich durch besondere Ausdruckskraft aus. Den späteren Arbeiten gingen die sogenannten àdìrẹ-Batiken aus den 1950er- und 1960er-Jahren voraus, die auf einer traditionellen Yorùbá-Technik basieren und mit natürlich gewonnenem Indigo gearbeitet sind. In ihnen wird die Verbindung zwischen europäischer Moderne und der Mythologie des Yorùbá-Kulturkreises deutlich – einem zentralen Bezugspunkt ihres Schaffens. Wengers Batiken verknüpfen Yorùbá-Symbole mit einer abstrakt-organischen Formsprache. Charakteristisch sind fließende Linien, rhythmische Kompositionen und natürliche Farbtöne wie Indigo, Braun, Ocker und Rot, die eine tiefe Verbundenheit mit den spirituellen Kräften der Erde ausdrücken. Dabei sind ihre Textilarbeiten weit mehr als dekorative Stoffe: Ihre Motive verweisen auf die Òrìṣà, die Gottheiten der Yorùbá-Religion, und entfalten ein reiches, narrativ verflochtenes Bildgefüge.

Neben der eindrucksvollen Präsentation der Textilarbeiten zeigt die Ausstellung auch Malereien aus späteren Jahren. Nach einer längeren Pause wandte sich Wenger Mitte der 1960er-Jahre wieder der Ölmalerei zu. In ihrer Serie Icons of Great Sadness (1993−1995) suchte sie mit ihrer Kunst eine Erweiterung der Realität und eine Transformation des gesellschaftlichen Bewusstseins. In diesen Gemälden verschmelzen Figuration und Abstraktion; Raum und Zeit scheinen aufgehoben, während sich zugleich Einblicke in ihr inneres Erleben eröffnen.

In Nigeria war Susanne Wenger als Àdùnní Olórìṣà bekannt – ein Ehrenname aus der Yorùbá-Kultur. Der Name Àdùnní bedeutet „diejenige, die man gerne um sich hat“, Olórìṣà bezeichnet eine in die Gottheiten Òrìṣà Eingeweihte. Diese Anrede würdigt Wengers enge spirituelle Verbindung zur Gottheit Ọbàtálá und ihre herausragende Rolle als Künstlerin und Priesterin im kulturellen Leben von Òṣogbo. Die Ausstellung lädt dazu ein, das tiefgründige Werk und beeindruckende Leben von Susanne Wenger beziehungsweise Àdùnní Olórìṣà neu zu entdecken – als künstlerisches und spirituelles Vermächtnis von beeindruckender Aktualität.

Kuratiert von Sandro Droschl


Termine
Eröffnung 6. Februar 2026, 18:00 - 21:00 Uhr
7. - 28. Februar 2026, Di - So 10:00 - 18:00 Uhr
1. - 31. März 2026, Di - So 10:00 - 18:00 Uhr
1. - 19. April 2026, Di - So 10:00 - 18:00 Uhr

Weitere Informationen
Eintritt: Freier Eintritt


HALLE FÜR KUNST Steiermark
Burgring 2, 8010 Graz
www.halle-fuer-kunst.at
+43 (0) 316 740 084
info@halle-fuer-kunst.at
Haltestelle Tummelplatz: Buslinie 30
Haltestelle Maiffredygasse: Straßenbahnlinien 1,7; Buslinien 31,39


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